Manche Einstiegsgespräche bei McKinsey haben in diesem Herbst einen ungewöhnlichen Gegenüber bekommen: Wie das Wall Street Journal am 14. Oktober 2026 berichtete, testet die Beratung in einigen nordamerikanischen Büros ein rund zehnminütiges Gespräch mit einem KI-Avatar für Bachelor-Bewerber auf Business-Analyst-Stellen, und der Avatar spielt nicht den Interviewer, sondern den Kunden. Partner oder Bewerter sitzen im selben Büro und beobachten, wie die Kandidaten reagieren und sich anpassen; die KI selbst vergibt weder Punkte noch Einschätzungen, das Urteil bleibt menschlich. In diesem Herbst sollen Hunderte Bewerber die Übung durchlaufen, und bei Erfolg will die Firma sie nächstes Jahr auf weitere Rollen ausweiten.
Was diese zehn Minuten wirklich prüfen
Der KI-Kunde wurde mit unterschiedlichen Kundenpersönlichkeiten trainiert, etwa einem professoralen Typ, der die Begründung einer Empfehlung genau verstehen will. Die Bewerter suchen keine Musterantwort, sondern die Reaktion im Moment: Hat die Kandidatin gehört, worauf es in den Aussagen des Kunden wirklich ankam, hat sie darauf reagiert, oder hat sie stur ihre vorbereitete Agenda durchgezogen? Geprüft wird die alltäglichste Beratungsfähigkeit überhaupt, ein Gespräch stabil zu halten und voranzubringen, während Informationen unvollständig sind und die Gegenseite ständig Bedingungen ergänzt. Das unterscheidet sich von automatisierten Interviews, in denen eine KI den Fall stellt und auch bewertet: Hier macht die KI die Szene nur glaubwürdig, die Bewertung bleibt bewusst bei den Menschen im Raum.
Bewusst kein Albtraum-Kunde
Ein an der Gestaltung beteiligter McKinsey-Partner sagt, das Werkzeug solle keinen ausrastenden Kunden nachahmen und keine Fangfragen stellen; Ziel sei es, etwa 80 Prozent der Szenarien aus dem Beratungsalltag abzubilden. Diese Zurückhaltung ist wichtig: Der Test soll messen, ob die Grundlagen sitzen, nicht, wo die Belastungsgrenze liegt, und extreme Szenen würden die Bewertung verzerren. Zu unterscheiden ist die Übung auch vom separaten Pilotprojekt, in dem Bewerber mit McKinseys internem KI-Assistenten Lilli an einem Fall arbeiten; dort geht es ums Problemlösen mit KI, hier um die Kommunikation mit einem Kunden, und wer beides vermischt, schätzt die Schwierigkeit falsch ein.
Was Bewerber daraus mitnehmen sollten
Für Bewerber hat die KI die Vorbereitung nicht neu erfunden: Trainierbar bleiben sorgfältiges Zuhören, das Rückversichern des Verständnisses und das Revidieren eines Urteils bei neuen Informationen, und am Tag selbst behandelt man den Avatar am besten wie einen echten Kunden statt wie ein zu knackendes Prompt-System. Wer vorher mit einer Methode, die KI zum Probe-Interviewer macht, Kundengespräche übt, gewöhnt sich am günstigsten an das wiederholte Nachhaken. Das größere Signal ist klar: Wenn eine Beratung einen KI-Kunden einsetzt, um Menschen auszuwählen, wandern solche Simulationen von der Schulung in die Einstellung; dass die Bewertung bei Menschen bleibt, zeigt zugleich, dass selbst eine Firma, die KI-Transformation verkauft, die Entscheidung über Menschen nicht an eine KI abgibt.