OpenAI treibt eine Finanzierungsrunde von rund 30 Milliarden US-Dollar mit Tempo voran, die das Unternehmen mit mehr als 1,4 Billionen US-Dollar bewerten könnte. Reuters meldete am 19. Oktober 2026 unter Berufung auf zwei mit der Sache vertraute Personen, OpenAI wolle sich Investorenzusagen sichern, bevor der Konkurrent Anthropic voraussichtlich Mitte November an die Börse geht; die SoftBank Group, die in Abu Dhabi ansässige MGX und weitere Bestandsaktionäre verhandeln über eine Teilnahme an der Runde. OpenAI und SoftBank lehnten einen Kommentar ab, Anthropic und MGX reagierten zunächst nicht.
Warum der Wettlauf gegen Anthropic
Die beiden Frontier-Labore buhlen um denselben Geldtopf. In der vergangenen Woche führte OpenAI intensive Gespräche mit Long-only-Fonds und Staatsfonds, während Anthropic zeitgleich seinen eigenen Investorentag abhielt; nach Angaben der Insider läuft OpenAIs Runde schneller als für eine Emission dieser Größe üblich. Manche Investoren lesen den Vorstoß als Versuch, Kapital zu binden, das sonst in Anthropics Börsengang fließen könnte – bevor die Offenlegungen zum Listing die Finanzen beider Unternehmen Seite an Seite vergleichbar machen. Edward Best, Co-Vorsitzender für Kapitalmärkte bei Willkie Farr & Gallagher, der nicht an dem Deal arbeitet, sagte, OpenAI wolle möglicherweise seine eigene Bewertung festsetzen, ohne sich um einen Vergleich kümmern zu müssen; beim Börsengang sei es im Kern ein Rennen zweier Pferde.
OpenAIs Verhandlungsmasse ist das Wachstum nach dem Start von GPT-6 Astra: Das Unternehmen teilte Investoren mit, der annualisierte Umsatz habe 50 Milliarden US-Dollar erreicht und solle bis Jahresende auf 70 Milliarden steigen; Preissenkungen bei den günstigeren Modellen hätten die Nutzung gesteigert, weiterer Senkungsspielraum sei vorhanden. Auch Anthropics Zahlen sind erheblich: Reuters berichtete zuvor von rund 65 Milliarden US-Dollar annualisiertem Umsatz im Juli, der Quartalsumsatz sprang im dritten Quartal von 11,6 auf 16,8 Milliarden. Allerdings weckt das nachlassende monatliche Wachstum bei Investoren Bedenken zur Bewertung. Auch auf der Kapitalseite geht es Schlag auf Schlag: Anthropic hat gerade 5 Prozent seiner Anteile in einen gemeinnützigen Fonds eingebracht – je mehr das Unternehmen wert ist, desto mehr bleibt für die Öffentlichkeit reserviert. Selbst über die Umsatzdefinition streiten die beiden öffentlich: OpenAI erfasst Umsatz netto nach Partneranteilen und wirft Anthropic vor, über Drittanbieter-Clouds verkaufte Verträge brutto zu zählen und die Zahlen aufzublähen; Anthropic verweist auf etablierte Bilanzierungspraxis.
Wofür das Geld gebraucht wird – und was der Markt fürchtet
Zuletzt wurde OpenAI im März dieses Jahres mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet, nach einer Rekordrunde von 122 Milliarden, zu der Amazons Zusage von bis zu 50 Milliarden gehörte. Von 852 Milliarden auf 1,4 Billionen ist ein Anstieg um mehr als 60 Prozent in gut einem halben Jahr. Insider fügen hinzu, das Geld diene nicht nur der Optik: OpenAI habe erhebliche Infrastrukturverpflichtungen zu finanzieren, und falls sich die IPO-Märkte weiter eintrüben und den geplanten Börsengang 2027 verzögern, müsse zuerst die Bilanz gestärkt werden.
Das Marktumfeld spielt nicht mit. Reuters berichtete vergangene Woche, einige bestehende und potenzielle Anthropic-Investoren plädierten nach einem schwächeren dritten Quartal für eine Debütbewertung näher an 1,5 Billionen statt der erhofften 2 Billionen US-Dollar. Seit September sind die Märkte unruhig, Ölpreisschwankungen, steigende Anleiherenditen und Sorgen um KI-Sicherheit lasten auf Technologiewerten, während Investoren die Schulden hinter dem Rechenzentrumsbau prüfen: Der Cloud-Anbieter CoreWeave hat für seine schnelle Expansion fast 50 Milliarden US-Dollar geliehen, Aktie und Anleihen fielen vergangene Woche. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor in weniger als zwei Wochen 1,6 Billionen US-Dollar an Wert; die von Blackstone gestützte AirTrunk REIT, die von Nvidia gestützte Firmus und die von SoftBank gestützte SB Energy haben ihre Listings zurückgezogen oder pausiert, und der Nukleardienstleister Holtec begründete den Rückzug seines US-Listings im vergangenen Monat mit der Unsicherheit über die Rechenzentrumsnachfrage.
Worum es bei diesem Vorlauf wirklich geht
Legt man beide Stränge nebeneinander, wird das Bild klar: Auf der einen Seite vergleichen zwei Labore Umsätze und Bewertungen in Billionenhöhe und ringen um dieselben Investoren, auf der anderen Seite bewertet der öffentliche Markt KI-Infrastruktur neu nach unten. OpenAIs Eile ist im Kern der Versuch, sich selbst zu bepreisen, bevor der Markt Anthropic bepreist – eine private Bewertung, die einmal steht, wird zum Anker jeder folgenden Verhandlung. Beobachtenswert ist in den kommenden Wochen weniger, ob diese Runde geschlossen wird, sondern was geschieht, wenn Anthropics Offenlegungen vorliegen und Umsatzdefinitionen und Wachstumsraten beider Firmen nebeneinander abgerechnet werden: Wer zuerst vom Markt bepreist wird, verliert zuerst die Freiheit, die eigene Geschichte zu erzählen.