OpenAIs neuer Bericht beschreibt einen klaren Übergang: Europas Firmen gehen vom Fragenstellen zum Aufgabenverteilen über. Am 14. Oktober 2026 veröffentlichte OpenAI Economic Research seine Studie zur agentischen Nutzung in der EU. Danach entfallen bei den EU-Unternehmenskunden der Stichprobe inzwischen mehr als die Hälfte aller Ausgabetoken auf das Programmierwerkzeug Codex und das Agentenprodukt ChatGPT Work zusammen. Der Großteil dessen, was die Modelle erzeugen, sind also keine Antworten mehr, sondern erledigte Aufgaben.
Kleine Firmen wachsen am schnellsten — in jedem Mitgliedstaat
Das stärkste Wachstum zeigen kleine und mittlere Unternehmen, die OpenAI als Firmen mit höchstens 200 zugeordneten Nutzern definiert. Seit Mai 2026 hat sich die Zahl der wöchentlich aktiven Nutzer von Codex und ChatGPT Work unter EU-Kleinunternehmen mehr als verachtfacht, mit Zuwächsen in jedem Mitgliedstaat. Agentische Nutzung ist damit kein Großfirmen-Pilot mehr, sondern erreicht kleine Teams, die dünne Personaldecken mit Automatisierung ausgleichen müssen. Die Verachtfachung hat allerdings einen Vorbehalt: Der Bericht nennt keine absolute Nutzerzahl für Mai, sodass sich nicht beurteilen lässt, wie viel des Anstiegs auf eine niedrige Ausgangsbasis zurückgeht.
Fast vierfacher Abstand zwischen Ländern, weiterer zweifacher an der Spitze
Innerhalb derselben Unternehmensstichprobe ist die Spannweite groß. Gemessen am Anteil agentischer Produkte an den Ausgabetoken liegt Slowenien bei 22 Prozent, Litauen bei 85 Prozent. Als Frontier-Firmen definiert der Bericht die oberen 10 Prozent nach Ausgabetoken pro aktivem Nutzer: Im September 2026 erzeugten EU-Frontier-Firmen mehr als das Vierfache der Pro-Kopf-Ausgabe typischer EU-Firmen, doch Frontier-Firmen außerhalb der EU lagen noch einmal bei mehr als dem Doppelten ihrer EU-Pendants. EU-Firmen stellen weltweit nur 10 Prozent der Frontier-Firmen — weniger als der EU-Anteil an allen registrierten Unternehmen. OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar setzt auf Werkzeuge, Fähigkeiten und Vertrauen und sieht in Europa noch viel Vertiefungsspielraum.
Die Stichprobengrenze beim Lesen mitdenken
Die Daten sind nützlich, aber begrenzt: Die Stichprobe umfasst nur OpenAIs eigene ChatGPT-Enterprise- und Business-Kunden, und der Tokenanteil misst Nutzungsintensität, keine Geschäftsergebnisse — er ist keine Verbreitungsquote für die gesamte EU-Wirtschaft. Firmen, die für Enterprise-Pläne zahlen, sind ohnehin eine selbstselektierte, aufgeschlossene Gruppe, und der Abstand zwischen Litauen und Slowenien kann Branchen- und Kundenstruktur widerspiegeln. Das Richtungssignal bleibt dennoch bestehen: Läuft mehr als die Hälfte der Firmennutzung eines Anbieters über Produkte, die Aufgaben durchgängig ausführen, verschiebt sich der Wettbewerb von der besten Antwort hin zu der Frage, wessen Agenten Arbeit verlässlich, korrekt und nachprüfbar zu Ende bringen. Für europäische Firmen lautet die eigentliche Frage des Berichts, ob ihre eigene Nutzung noch auf der Frageebene steht oder die Ausführungsebene erreicht hat — produktivitätsseitig ist das ein grundlegender Unterschied.